Ketamin-Kompass

Wege der Ketamin-Gabe: Infusion, Spritze, Nasenspray, Tablette

ℹ️ Sachinformation — kein medizinischer Rat. Dieser Beitrag informiert über den Stand des Wissens und ersetzt kein ärztliches Gespräch. Über Eignung, Nutzen, Risiken und den passenden Weg im Einzelfall entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.

Auf einen Blick

  • Viele Wege, ein Wirkstoff: Ketamin lässt sich intravenös, intramuskulär, subkutan, als Nasenspray sowie oral bzw. sublingual verabreichen.1
  • Nicht dasselbe Präparat: Die Ketamin-Infusion bei Depression ist Off-Label; das Esketamin-Nasenspray (Spravato) ist seit Dezember 2019 EU-weit gezielt für die therapieresistente Depression zugelassen.2
  • Der Weg beeinflusst, wie schnell es wirkt: Intravenös wird der höchste Blutspiegel binnen weniger Minuten erreicht, intramuskulär etwas später bei hoher Verfügbarkeit.1
  • Zu Hause vs. in der Praxis: In den USA gibt es Modelle mit sublingualer Selbstanwendung zu Hause unter telemedizinischer Begleitung — mit eigenen Chancen und Grenzen.3

Kurz gesagt: „Ketamin-Therapie” ist nicht gleich „Infusion”. Je nach Weg unterscheiden sich Geschwindigkeit, Aufwand, Überwachung und rechtlicher Rahmen — und genau das ist für die Frage relevant, was für dich infrage kommt.


Warum der Weg der Gabe überhaupt einen Unterschied macht

Derselbe Wirkstoff kann sehr unterschiedlich ankommen. Wie schnell Ketamin ins Blut gelangt, wie gut sich die Wirkung steuern lässt und wie eng überwacht werden muss, hängt am Applikationsweg. Ketamin gehört zu den Medikamenten, die sich über besonders viele Wege geben lassen — unter anderem intravenös, intramuskulär, intraossär, subkutan, intranasal, oral und sublingual.1

Ein wichtiger Unterschied vorweg, den dieser Artikel durchhält: Es gibt das razemische Ketamin (u. a. als Infusion oder Spritze, bei Depression Off-Label) und das Esketamin-Nasenspray (Spravato), das am 18. Dezember 2019 im zentralisierten Verfahren EU-weit für die therapieresistente Depression zugelassen wurde — in Kombination mit einem Antidepressivum (SSRI oder SNRI).2 Beide teilen den Wirkstoff, sind aber unterschiedliche Präparate mit unterschiedlichem Zulassungsstatus.

Die Wege im Überblick

Intravenös (Infusion)

Die intravenöse Gabe ist der in Studien am häufigsten untersuchte Weg. Über einen Venenzugang gelangt Ketamin direkt ins Blut und erreicht den höchsten Blutspiegel innerhalb weniger Minuten.1 Weil die Gabe langsam über einen Zugang läuft, kann sie ärztlich eng begleitet werden. Der Preis dafür: Es braucht einen Venenzugang, Überwachung und ein entsprechendes Setting.

Intramuskulär (Spritze in den Muskel)

Intramuskulär gespritztes Ketamin erreicht seinen Spitzenspiegel etwas später als intravenös, wird dabei aber sehr gut aufgenommen (hohe Bioverfügbarkeit).1 Der Weg kommt ohne Venenzugang aus — ein Grund, warum er in der Notfall- und Rettungsmedizin eine Rolle spielt.

Subkutan (Spritze unter die Haut)

Die subkutane Gabe — eine kleine Injektion ins Unterhautfettgewebe — ist ein vergleichsweise einfacher Weg, der ohne Veneninfusion auskommt. In einer kontrollierten Studie bei therapieresistenter Depression hing das Ergebnis allerdings deutlich von der Dosierung ab: Bei einer festen, niedrigen Dosis unterschied sich Ketamin nicht von einem aktiven Vergleichsmittel. Erst im zweiten Studienteil, in dem die Dosis individuell angepasst und gesteigert wurde, zeigte es sich überlegen — rund 20 Prozent der Behandelten erreichten eine Remission gegenüber etwa 2 Prozent in der Vergleichsgruppe.4 Dieser Unterschied zwischen den beiden Studienteilen ist der eigentliche Befund: Nicht „subkutan wirkt”, sondern „auf die Dosisfindung kommt es an”. Die akuten Begleiterscheinungen (Dissoziation, Blutdruckanstieg) waren vorübergehend, klangen innerhalb der zweistündigen Beobachtung ab, und niemand benötigte eine medizinische Intervention.4

Intranasal (Nasenspray)

Der intranasale Weg ist nicht-invasiv — kein Zugang, keine Spritze. Für Esketamin (Spravato) ist das der zugelassene Weg bei therapieresistenter Depression, in Kombination mit einem Antidepressivum und unter ärztlicher Aufsicht.2

Dieser Weg ist auch derjenige mit der belastbarsten Datenlage: Eine Meta-Analyse aus sechs randomisierten, placebokontrollierten Studien (858 Teilnehmende, ganz überwiegend mit therapieresistenter Depression) fand für intranasales (Es-)Ketamin eine rasche Verbesserung der Depressionswerte — deutlich ausgeprägt nach 24 Stunden, nach vier Wochen noch vorhanden, aber merklich geringer.5 Genau diese Zeitachse ist der Punkt: Die Akutwirkung ist gut belegt, die Frage des Wirkungserhalts ist die offene. Übersichtsarbeiten ordnen die Akutwirkung als rasch, aber moderat ein und untersuchen den Erhalt gesondert bei bereits stabilisierten Patientinnen und Patienten.6

Die Gabe erfolgt in der Praxis unter Beobachtung: Schwindel, Dissoziation, Geschmacksstörungen und Übelkeit traten in den Studien häufiger auf als unter Placebo, klangen aber in der Regel innerhalb von ein bis zwei Stunden ab.5

Oral und sublingual (Tablette / über die Mundschleimhaut)

Oral geschlucktes oder sublingual (unter der Zunge) aufgenommenes Ketamin ist der organisatorisch einfachste Weg — pharmakologisch aber nicht der unkomplizierteste. Geschlucktes Ketamin passiert zuerst die Leber und wird dort zu einem großen Teil abgebaut, bevor es überhaupt im Blut ankommt (sogenannter First-Pass-Effekt). Von allen hier genannten Wegen kommt so am wenigsten Wirkstoff an, und wie viel es ist, schwankt von Mensch zu Mensch stärker als etwa bei der Infusion. Die sublinguale Aufnahme über die Mundschleimhaut umgeht diesen Abbau teilweise.

In den USA gibt es telemedizinische Modelle mit sublingualer Selbstanwendung zu Hause — ärztlich verordnet und aus der Ferne begleitet. Eine große Auswertung von Praxisdaten eines solchen Anbieters (Mindbloom, n = 11.441) berichtete Ansprech- und Remissionsraten, deren Aussagekraft jedoch durch das Fehlen einer Kontrollgruppe begrenzt ist.3

Genau das ist der Haken: Weil die Auswertung keine Vergleichs- oder Kontrollgruppe hatte, lässt sich laut den Autoren der genaue Beitrag der Behandlung nicht sauber beziffern — solche Zahlen sind deshalb nicht mit denen kontrollierter Studien gleichzusetzen.3 Das wiegt hier besonders schwer, weil gerade bei Ketamin-Studien ein erheblicher Teil der Besserung auch in Placebogruppen auftritt.7

Und wichtig für den deutschen Kontext: Ein solches at-home-Modell ist hier keine zugelassene Standardversorgung — die Erwähnung ist eine Einordnung, keine Empfehlung zur Selbstanwendung.

Was die Wege gemeinsam haben

So unterschiedlich die Wege sind — die grundlegenden vorübergehenden Effekte bleiben ähnlich. In einem systematischen Sicherheitsvergleich standen vor allem vorübergehende dissoziative Zustände und ein vorübergehender Blutdruckanstieg im Vordergrund.8 Deshalb gilt für alle Wege: Sie gehören in einen ärztlich begleiteten Rahmen, nicht in die Eigenregie.

Was bei häufiger und langfristiger Anwendung hinzukommt

Die oben genannten Effekte betreffen die einzelne Gabe. Bei häufigem und langfristigem Gebrauch rückt ein weiteres Thema in den Blick: die Harnblase.

Aus dem Missbrauchskontext — also chronischer, hochdosierter Gebrauch außerhalb jeder ärztlichen Kontrolle — ist eine ernste Schädigung der Blase gut dokumentiert. Eine Auswertung von 45 Arbeiten mit knapp 4.900 Betroffenen fand dort sehr häufig Harndrang, häufiges Wasserlassen und Unterbauchschmerzen, dazu eine deutlich verkleinerte Blasenkapazität; bei einem Teil war auch der obere Harntrakt betroffen. Eine Besserung setzt voraus, dass der Konsum beendet wird.9

Für die therapeutische Anwendung sieht das Bild anders aus, und diese Unterscheidung ist wichtig: Eine systematische Übersicht über 27 Studien zur ärztlich verordneten Ketamin-Behandlung bei psychiatrischen Erkrankungen fand urologische Beschwerden bei 0 bis 24,5 Prozent der Behandelten, überwiegend leicht bis mittelgradig. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die therapeutische Anwendung nach derzeitiger Datenlage nicht mit einem erhöhten Risiko einhergeht — schränken aber deutlich ein: Die meisten Studien beobachteten nur kurz (im Mittel vier Wochen) und erhoben urologische Effekte oft nicht systematisch. Sie fordern deshalb ein regelhaftes Monitoring.10

Hinzu kommt: Ketamin hat ein Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial und ist in Deutschland verschreibungspflichtig; die Abgabe erfolgt kontrolliert.

Zusammen ist das der Grund, warum ärztliche Indikationsstellung, begrenzte Behandlungsserien und Verlaufskontrolle zur Behandlung gehören — und warum eine unbegleitete Daueranwendung in Eigenregie keine gute Idee ist.

Warum hier keine Dosierungen stehen

Wer Applikationswege vergleicht, fragt schnell nach Milligramm. Dieser Beitrag beantwortet das bewusst nicht mit Zahlen. Welche Dosis auf welchem Weg sinnvoll ist, hängt von Ziel, Präparat, Vorerkrankungen und Verträglichkeit ab und ist eine ärztliche Entscheidung — keine Information, die als Handlungsanleitung auf eine öffentliche Seite gehört.

Häufige Fragen

Auf welchen Wegen kann Ketamin gegeben werden? Unter anderem intravenös, intramuskulär, subkutan, intranasal sowie oral bzw. sublingual.1 Welcher Weg passt, entscheidet die Ärztin oder der Arzt.

Was ist der Unterschied zwischen Infusion und Esketamin-Nasenspray? Die Ketamin-Infusion bei Depression ist Off-Label; das Esketamin-Nasenspray (Spravato) wurde im Dezember 2019 EU-weit für die therapieresistente Depression zugelassen — in Kombination mit einem Antidepressivum.2

Kann ich Ketamin einfach als Tablette zu Hause nehmen? In Deutschland ist das keine zugelassene Standardversorgung. In den USA existieren telemedizinisch begleitete at-home-Modelle; deren Daten stammen jedoch aus Auswertungen ohne Kontrollgruppe und sind daher nur begrenzt aussagekräftig.3 Eine Selbstanwendung ohne ärztliche Begleitung ist nicht ratsam.


Weiterlesen

Quellen

  1. The diverse effects of ketamine, jack-of-all-trades: a narrative review. 2025. British Journal of Anaesthesia. ●○○ 2 3 4 5 6

  2. Spravato (Esketamin) Nasenspray — EU-Zulassung (EPAR, European Medicines Agency). 2019. European Medicines Agency (EMA) / Europäische Kommission. ●●● 2 3 4

  3. At-home, telehealth-supported ketamine treatment for depression (Mindbloom real-world data). 2024. Journal of Affective Disorders. ●○○ 2 3 4

  4. Efficacy and safety of a 4-week course of repeated subcutaneous ketamine injections for treatment-resistant depression (KADS study) (Loo et al.). 2023. Br. J. Psychiatry. ●●○ 2

  5. Intranasal Ketamine for Depression. Syst. Review/Meta 2021. Front. Psychology. ●●● 2

  6. Intranasal esketamine, akut + Erhaltung. Syst. Review/Meta 2026. Front. Psychiatry. ●●●

  7. Hype or hope? High placebo response. Syst. Review/Meta 2024. Front. Psychiatry. ●●●

  8. Comparative safety ketamine vs esketamine. Syst. Review/Meta 2025. Front. Pharmacol. ●●●

  9. Systematic review and meta-analysis of ketamine-associated uropathy (Chan et al.). Chan et al. 2022. Hong Kong Medical Journal. ●●○

  10. Urological symptoms following ketamine treatment for psychiatric disorders: A systematic review (Kerr-Gaffney et al.). Kerr-Gaffney et al. 2025. Journal of Psychopharmacology. ●●○